Category Archives: EM 2012

Top 11 der Fußball-Europameisterschaft 2012

Der Meistersänger als Torwart

Gianluigi Buffon (Italien) – Gut, er Manuel Neuer und Iker Casillas waren sehr unterschiedlich, aber die stärksten Torhüter. Buffon ist für mich die Nummer 1, weil er auch als Sänger der italienischen Nationalhymne Weltmeister-Niveau hat.

Das Abwehrbollwerk

Jordi Alba (Spanien) – Es war nicht die EM der Außenverteidiger. Jordi Alba wurde als Geheimtipp gehandelt und hat deutlich überzeugt, auch mit einem schönen Lauf und Tor zum 2:0 im Finale gegen Italien. Sich als Außenverteidiger eine Mannschaft, die komplett auf Flügelspiel und scharfe Hereingaben verzichtet für diese Liste zu empfehlen, das war nicht wirklich einfach.
Mats Hummels (Deutschland) – Er hat einen steinigen Weg hinter sich. Die Bayern wollten ihn nicht mehr, obwohl er damals schon einer der stärksten Innenverteidiger Deutschlands war. Nun ist er also in der Nationalmannschaft angekommen und war dort auch einer der stärksten.
Bruno Alves (Portugal) – Ein Mann wie ein Stier ein Abwehrecke, wie aus der guten alten Zeit, noch dazu mit einem eleganten Spielaufbau.
Theodor Gebre Selassie (Tschechien) – Nix los war auf der rechten Seite. In keinem der Spitzenteams konnte mich ein Rechtsverteidiger überzeugen. Immerhin der Tscheche mit dem ostafrikanischen Namen hat eine gute EM gespielt und wurde gleich von Werder Bremen verpflichtet. Gratulation!

Die Schaltzentrale Mittelfeld

Cesc Fabregas (Spanien) – Was jetzt? Mittelfeldspieler oder doch Stürmer? Egal, einfach großartig, wie er die Löcher reißt…
Xavi (Spanien) – … und Xavi in sie hineinspielt. Geniales Passspiel kennt man ja aus Spanien. Aber die Häufigkeit der tödlichen Pässe von Xavi gegen so dicht gestaffelte Abwehrreihen auf höchstem Bollwerklevel ist einfach bemerkenswert.
Sami Khedira (Deutschland) – Leider mit Hummels der einzige Spieler der Deutschen mit einer Weltklasse Europameisterschaft. Ich wusste ja, warum ihn Mourinho holte.
Theo Walcott (England) – Ohne große Erwartungen nach Polen/Ukraine sind die Engländer gefahren, wegen Verletzungspech und so. Mal wieder im Elfmeterschießen gescheitert, aber erhobenen Hauptes. Und Theo Walcott hat mich mit seiner kraftvollen offensiven Spielweise begeistert. Mehr davon!
Andrea Pirlo (Italien) – Andrea Pirlo ist der Spieler der Europameisterschaft! Absolut keine Frage, der alte Mann der Tifosi hat Deutschland fast alleine aus dem Turnier geschossen. Fast, denn da gab es noch …

Der verrückte Sturm

Mario Balotelli (Italien) – …diesen Verrückten im Sturm der Italiener. Balotelli mit einer Gala-EM im einzigen Team mit zwei Stürmern. Dabei ist er noch so jung, dass wir ihn noch bei etlichen großen Turnieren bewundern können. Danke auch an die taz für ihre kulturtheoretische Einordnung von Balotellis Siegerpose nach dem 2:0 gegen Deutschland.

Trainer des Turniers

Slaven Bilic (Kroatien) – Spanien hatte insgesamt drei Spiele (von 6), in denen ihnen das Leben schwer gemacht wurde. Kroatien hatte den Europameister in der Gruppenphase am Rande des Ausscheidens. Slaven Bilic hatte seine Mannschaft perfekt auf den Gegner eingestellt, sie konnte sogar auf den Rückstand noch angemessen reagieren und wären da nicht die schlechten Schiedsrichterleistungen, vielleicht wäre Kroatien zu Ungunsten des späteren Europameisters aus der Todesgruppe C ins Viertelfinale eingezogen.

Der Rassismus wird im Internet geboren

Der Rassismus wird im Internet geboren, meint zumindest unser Innenminister Hans-Peter Friedrich.

„Der Fall Özil zeigt nur die Spitze des Eisbergs. Die Verwahrlosung der Umgangsformen im Internet ist erschreckend.”

Quelle: Zeitung

Achja, und natürlich kann die Vorratsdatenspeicherung dies natürlich verhindern! Oder so ähnlich formulierte Friedrich es. Dann brauchen wir ja bald den Rassismus nicht mehr zu fürchten. Was nicht ganz zu dem von Friedrich bemühten Bild passt.

Scharf verurteilte Innenminister Friedrich auch die „Sieg, Sieg“-Rufe deutscher Fans ausgerechnet bei den EM-Spielen in der im Zweiten Weltkrieg von Deutschen besetzten Ukraine. Es mache ihn auch wütend, dass einige Zuschauer die verbotene Reichskriegsflagge gezeigt hätten. „Als deutscher Patriot schäme ich mich, wie diese Leute unser Ansehen in Europa und der Welt versuchen zu beschädigen“, sagte Friedrich.

Quelle: Zeitung

Aber vielleicht hätte man “diese Leute” ja auch mit der Vorratsdatenspeicherung dran gekriegt. Oh je, was haben wir da nur für einen um das Ansehen der Deutschen in der Welt besorgten Innenminister.

Die Ukraine, die UEFA und die Menschenrechte

No sports, please! Das diese Einstellung jung hält, wusste schon Winston Churchill. Ähnliches scheint auch Joseph Blatter umzutreiben mit seiner Vergabe von Fußball-Weltmeisterschaften in eines der autokratischsten und demokratiefeindlichsten Länder der Welt nach Katar.

Die UEFA versuchte sich gegen die FIFA und auch aus einem eigenen europäischen Selbstverständnis immer ein wenig anders zu positionieren und UEFA-Präsident Lennart Johansson (1990-2007) und Michel Platini (seit 2007) haben sich meist gegen Blatter und sein System der Korruption gestellt. Und doch hat die UEFA jetzt ein Problem.

Als in der Ukraine die Orange Revolution 2004 den liberalen Wiktor Juschtschenko an die Macht brachte, schienen alle Institutionen Europas diese Demokratisierung unterstützen zu wollen. 2007 wurde die EM 2012 von der UEFA an die Ukraine und Polen vergeben (Italien und die Doppelbewerbung durch Ungarn und Kroation waren die Konkurrenten).

Kühne Vergabepraxis der EM durch die UEFA

Die kühne Vergabe der EM 2012 an Polen und die Ukraine durch die UEFA war ein leider wohl verfrühter Versuch, die Bevölkerung der Ukraine noch stärker an Mitteleuropa zu binden. Das kann und will ich der UEFA und Michel Platini nicht vorhalten. Und da sie heute nunmal beginnt, die EURO 2012, wollte ich meine Gedanken doch nochmal loswerden – und dieses wunderschöne Zeitdokument der WM 1978 in Argentinien hervorkramen.

Dort wurde 1976 durch den Militärapparat die Regierung geputscht (mit moralischer Unterstützung der USA). Heute geht man von 30.000 Todesopfern aus, die in der Zeit verschleppt, gefoltert oder im Kampf gegen die Guerilla gestorben sind. Einen Boykott hat es damals nicht gegeben.