Category Archives: Bücher

Dennis Scheck über Günter Grass’ Was gesagt werden muss

Dennis Scheck, der Macher des ARD-Literaturmagazins druckfrisch, hat die Worte gefunden, die ich nicht gefunden habe über Günter Grass, sein Gedicht Was gesagt werden muss und den Aufschrei in der nationalen Medienlandschaft.

In seiner letzten Ausgabe der druckfrisch-Sendung kommentierte Scheck wie folgt:

Dem deutschen Dichter Durs Grünbein fiel in all seiner Sprachgewalt ein subtiles “Weg du, Günter Grass!” ein. Und von Henryk M. Broder konnte man lernen: “Antisemiten suchen die Nähe der Juden, fühlen sich ihnen verbunden – etwa so, wie Kannibalen von Frischfleisch angezogen werden.” Auf diese Weise lässt sich jeder als Antisemit denunzieren. Das ist die Logik von George Orwells “Animal Farm”. (…)

Literaturkritisch ist in dieser Debatte um ein Gedicht jedoch etwas passiert, was nicht unwidersprochen bleiben darf: Statt für die Freiheit des Wortes Partei zu nehmen, hat die deutsche Literaturkritik auf Staatsräson gepocht. (…)

Keinem Abiturienten hätte man solche grotesken Unterstellungen, böswilligen Fehlurteile und absurden Konjekturen durchgehen lassen wie die, die über Grass’ Gedicht in vielen Medien verbreitet wurden.

Ich will hier nicht auf Ikonen-Schutz pochen – im Gegenteil habe ich Grass bei vielen Gelegenheiten kritisiert – der Spiegel schrieb mal über ihn zurecht, niemand sei vor seiner Solidarität sicher. Aber: politisch engagierte Literatur ist eben politisch.

Buchpate am Welttag des Buches

Die Stiftung Lesen hat zum Welttag des Buches am 23.04. ein ganz besonderes Geschenk gemacht. 1.000.000 Bücher wurden in diesen Tagen von Leser an Leser geschenkt. Die Schenkenden haben sich als Lesefreunde bei der Stiftung angemeldet und da war ich natürlich dabei.

Am Welttag des Buches habe ich also folgende Bücher verschenkt:

Jane Austen – Stolz und Vorurteil
Nick Hornby – About A Boy

Davon habe ich knapp 30 Exemplare unter die Leute gebracht, ein paar sind noch da…

Natürlich ist zumindest eines der Werke ein dicker Brocken und vor zweihundert Jahren geschrieben. Aber ich werde es auf jeden Fall nachholen Jane Austen zu lesen, dann könnt ihr das auch. Vielleicht laufe ich ja, dem einen oder anderen von euch noch in den nächsten Tagen über den Weg da könnt ich mich gerne darauf ansprechen, ob ich noch ein Buch für euch übrig habe.
Ansonsten, schaut doch gerne mal auf meinen Rezensionsblog schoenerlesen.de vorbei. Das würde mich freuen!

Christian Kracht – Imperium: ein Skandal?

Christian Kracht hat ein neues Buch geschrieben (“Imperium”) über einen deutschen Naturfanatiker, der sich Anfang des Jahrhunderts auf die deutsche Kolonie in Papua-Neuguinea zurückzieht und dort eine Sekte von Fruktariern gründet und daran scheitert. Ich lese ja alles von Christian Kracht, er ist einfach großartig in seinem Erzählstil – die Geschichte die er erzählt ist jedoch eigentlich immer die gleich. Es geht um die Auflösung der Charaktere. Und ja, er spielt unterschwellig oft mit der Nation als Wert für den Einzelnen.

Der Print-Spiegel – in persona Georg Diez – hat daraus den Vorwurf konstruiert Christian Kracht würde quasi rechtsradikales Gedankengut (totalitär, antimodern, demokratiefeindlich) transportieren. Das ist absurd und ein Affront, den ich der Kulturredaktion vom Spiegel nicht zugetraut hätte. Jakob Augstein hat auch schon ein Kommentar in Spiegel Online geschrieben, gegen die Nazi-Keule seiner Print-Redaktion.

Und auch namhafte Autoren haben nun über den Verlag Kiepenheuer & Witsch einen offenen Brief an den Spiegel geschrieben. Das ist mal wieder ein Literaturskandal, der keiner hätte sein müssen. Das Œuvre von Christian Kracht jedenfalls überzeugt auch ohne Skandale:

Offener Brief an

Chefredaktion
Der Spiegel
Ericusspitze 1
20457 Hamburg

Sehr geehrter Herr Mascolo,

mit dem Spiegel-Artikel »Die Methode Kracht« hat der Literaturkritiker Georg Diez für uns die Grenzen zwischen Kritik und Denunziation überschritten. Äußerungen von literarischen Erzählern und Figuren werden konsequent dem Autor zugeschrieben und dann als Beweis einer gefährlichen politischen Haltung gewertet. Wenn diese Art des Literaturjournalismus Schule machen würde, wäre dies das Ende jeder literarischen Phantasie, von Fiktion, Ironie und damit von freier Kunst.

Katja Lange-Müller
Daniel Kehlmann
Elfriede Jelinek
Peter Stamm
Monika Maron
Thomas von Steinaecker
Kathrin Schmidt
Thomas Hettche
Necla Kelek
Rafael Horzon
Stefan Beuse
Carmen Stephan
Benjamin von Stuckrad-Barre
Carl von Siemens
Eckhart Nickel
David Schalko
Feridun Zaimoglu

Anglizismus des Jahres 2011

Derzeit gibt es bis zum 11.02. noch eine Abstimmung des Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, welches denn der Anglizismus des Jahres 2011 ist. Das ganze ist natürlich nur so ein Projekt, aber analog zum Wort des Jahres und Unwort des Jahres zu verstehen. Wichtig aber: die Sprecher des Deutschen entscheiden über den Anglizismus des Jahres selbst, zumindest über den Publikumspreis – und die Zahl der Teilnehmer ist schon 4-stellig. Ich möchte euch alle auffordern, daran teilzunehmen.

Im Übrigen habe auch ich einen Vorschlag eingereicht, der derzeit in der Abstimmung sogar recht weit oben steht, obwohl ich gar nicht für ihn abgestimmt habe. 😉

Und dann gibt es natürlich auch noch einen Jury-Preis. Mal schauen, ob ich da als bloggender Germanist auch mal mitmachen darf, irgendwann mal.

Update zum Anglizismus des Jahres

Shitstorm ist Anglizismus des Jahres 2011, gefolgt von Stresstest und circeln. Der Publikumspreis ging ebenfalls an Shitstorm, dicht gefolgt von Occupy und meinem Vorschlag: Cloud. Die Laudatio von Anatol Stefanowitsch findet man hier.

Buchempfehlung: Schwarzspeicher erschienen!

Ich werde bestimmt auch demnächst in meinem Literatur-Blog schoenerlesen.de darüber schreiben, Tobias Radloff hat einen neuen Roman veröffentlicht. Ich bin schon sehr gespannt, am Mittwoch war ich auf einer Lesung von ihm in Langen. Es ist ein Sci-Fi Thriller geworden, der in einer nicht allzu entfernten Zukunft spielt, in der in Deutschland nach einem terroristischen Anschlag kein lokaler Speicher mehr erlaubt ist und alle Daten in der Staats-Cloud “Schwarzspeicher” sind.

Das ist gar nicht mehr so fern, wenn man die aktuellen Entwicklungen beobachtet. Obwohl man doch zwischen der diffusen Angst und realer Bedrohung meiner Meinung nach sehr deutlich differenzieren sollte. Mal hat man vor dem Staat Angst, dann doch wieder vor den Datenstaubsaugern aus der Privatwirtschaft (Facebook und Co.). Naja, ich bin positiv gespannt, wie sich das Buch liest.