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Das Sportfernsehen im Zeitalter seiner technischen Fehlbarkeit

Tja, wenn ich schon mit Walter Benjamin komme, dann muss es auch gewichtig sein. Eigentlich.

Vor ein paar Wochen argumentierte die britische Polizei, nach dem ein Überwachungsvideo gezeigt wurde, auf dem Polizisten ein vorheriges Opfer eines Verbrechens zum “Ruhigstellen” noch ein paar kräftige Faustschläge ins Gesicht setzten, dass ein Video ja nie ein komplettes Bild einer Situation zeichnen könne. Ach, dachte man sich, wieso gibt es dann diese Videoüberwachung überhaupt?

Und nun der große Bogen. Am Samstag gab es einen Elfmeter für Eintracht Frankfurt nach einem Handspiel. Ich stand in der Fankurve an der Eckfahne ca. 20 Meter vom Geschehen entfernt und wie ich später feststellen sollte, war das Geld für die Tickets des DFB-Pokal-Spiels gut investiert, da zwischen "live dabei" und TV doch einige Unterschiede bestanden. Und das Handspiel war glasklar zu erkennen. Der Mainzer Kirchhoff kommt mit seinem Oberkörper nicht mehr hinter den Ball nimmt seinen Arm nach außen und dort springt der Ball auch hin. Der Linienrichter, der fast den gleichen Blickwinkel hat wie ich, hebt die Fahne. Der Spieler rennt wutentbrannt auf ihn zu und (sic!) deutet an, dass er gestoßen worden sei (nicht etwa, dass es kein Handspiel gewesen ist). Dennoch: Elfmeter, Tor. 2:1 für die Eintracht.

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Als ich nach Hause kam und das Spiel in der Sportschau ansah, war plötzlich die Rede von einer Fehlentscheidung. Das konnte ich nicht glauben. Aber auch Liga total, Sport1 und ZDF waren dieser Meinung. Das Problem: In einem Fußballstadion werden derzeit über ein Dutzend Fernsehkameras eingesetzt. Aber keine hatte den Blickwinkel, der benötigt gewesen wäre, um die Situation aufzulösen. Der Winkel der Kameras war ausgesprochen schlecht. Immer wieder wurde auf Bilder einer Kamera gegriffen die auf Höhe der Mittellinie stand. Der Linienrichter stand aber orthogonal zu diesem Winkel und hatte scheinbar die deutlich bessere Sicht auf das Spielgeschehen.

Erst am Montag gab es ein wages Bild von Reuters auf Spiegel Online, das erkennen lässt, dass Kirchhoff doch den Arm benutzt haben könnte. Viel deutlicher macht es dieses Privatvideo, das ich heute gefunden habe und das in etwa aus meinem Blickwinkel gemacht wurde.

Was lernen wir daraus? Es ist nicht nur die Demut vor der Schiedrichterentscheidung, die in Sekunden gefällt werden muss, und die man auf dem Platz nicht in Frage stellen kann. Es geht mir darüber hinaus um die kritische Auseinandersetzung mit der Technik und dem Bildmaterial. Ich bin immer schon für eine regulierte Anwendung des Videobeweises gewesen. Ehrlich gesagt, muss ich das angesichts dieser Situation überdenken.

In den USA wird beim American Football doch häufig darauf zurückgegriffen. Der Referee kann auf Wiederholungen jeder einzelnen Kamera im Stadion zurückgreifen. Ein technisches Rundumglücklich-Paket gibt es derzeit nicht. Und wenn schon in der Bundesliga solche Szenen nicht aufgelöst werden können, wie soll das dann in der ersten slowenischen Liga passieren.

Die Attraktivität von Fußball als Sportart ist eben auch deshalb so groß, und da kann man dem Argument der Fifa nur recht geben, weil es immer das selbe Spiel ist. Egal ob es 11 Mönche in Nepal sind oder das Champions League Finale. Es ist von jedem mit wenig Ausrüstung und ohne technischen Aufwand (mal abgesehen von den Toren und der Pfeife des Schiedsrichters) zu spielen. Das ist die Basis der Identifikation mit diesem Sport.