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Frühreife Jugend

Spiegel-Online zitiert eine Studie zur sexuellen Entwicklung der Jugend. Dabei greift diese Studie auf Daten zurück, die bis in die 1860er Jahre zurückgehen.

Lag das Durchschnittsalter bei deutschen Mädchen zum Zeitpunkt der ersten Periode im Jahr 1860 noch bei 16,6 Jahren, verschob sich dieses Alter in den folgenden Jahren kontinuierlich nach vorn: 1920 lag es bei 14,6 Jahren, 1950 bei 13,1 Jahren und 1980 bei 12,5 Jahren. Für 1994 konnten Wissenschaftler ein Durchschnittsalter von 12,2 Jahren ermitteln. Kluge hat hochgerechnet, dass die Mädchen im Jahr 2010 im Durchschnitt bereits im zehnten oder elften Lebensjahr zum ersten Mal ihre Tage bekommen werden.

Einen ähnlichen Trend beobachten Wissenschaftler auch bei der Geschlechtsreife von Jungen. So lag das Alter zum Zeitpunkt des ersten Samenergusses 1994 bei 12,6 Jahren, während es 1980 noch bei 14,2 Jahren gelegen hatte. Die Zahlen belegen auch, dass der Entwicklungsunterschied zwischen Jungen und Mädchen im Lauf der Zeit immer geringer geworden ist: Inzwischen liegen zwischen der Geschlechtsreife von Jungen und Mädchen im Durchschnitt nur noch wenige Monate.

Spannend ist an dieser nicht neuen Entwicklung die soziologische Komponente. Die ‘Erfindung der Kindheit’ setzte im frühen 19. Jahrhundert ein. Zuvor gab es Kindheit nur im biologischen Sinne: Kinder mussten arbeiten ab dem Zeitpunkten, der ihnen das erlaubte. Doch seit dem Entstehen des Bildungsbürgertums wurde Kindheit immer mehr als romantischer Raum der Zwanglosigkeit konstruiert, gleichsam bedeutete dies auch eine Degradierung vom jungen Erwachsenen zum Kind und ein Zementieren von ihrer sozialen Rolle in Familie und Gesellschaft. Leider kann man nun nicht sagen, wann die Sexualisierung der Kindheit einsetzte, jedoch stelle ich jetzt mal die These auf, dass der für die Kindheit geschaffene Raum von ihren Subjekten nach und nach neu gefüllt wird. Mit was? Ja klar, mit etwas, dass ihnen weggenommen wurde: einem Stück Erwachsensein.