Tag Archives: Literatur

Dennis Scheck über Günter Grass’ Was gesagt werden muss

Dennis Scheck, der Macher des ARD-Literaturmagazins druckfrisch, hat die Worte gefunden, die ich nicht gefunden habe über Günter Grass, sein Gedicht Was gesagt werden muss und den Aufschrei in der nationalen Medienlandschaft.

In seiner letzten Ausgabe der druckfrisch-Sendung kommentierte Scheck wie folgt:

Dem deutschen Dichter Durs Grünbein fiel in all seiner Sprachgewalt ein subtiles “Weg du, Günter Grass!” ein. Und von Henryk M. Broder konnte man lernen: “Antisemiten suchen die Nähe der Juden, fühlen sich ihnen verbunden – etwa so, wie Kannibalen von Frischfleisch angezogen werden.” Auf diese Weise lässt sich jeder als Antisemit denunzieren. Das ist die Logik von George Orwells “Animal Farm”. (…)

Literaturkritisch ist in dieser Debatte um ein Gedicht jedoch etwas passiert, was nicht unwidersprochen bleiben darf: Statt für die Freiheit des Wortes Partei zu nehmen, hat die deutsche Literaturkritik auf Staatsräson gepocht. (…)

Keinem Abiturienten hätte man solche grotesken Unterstellungen, böswilligen Fehlurteile und absurden Konjekturen durchgehen lassen wie die, die über Grass’ Gedicht in vielen Medien verbreitet wurden.

Ich will hier nicht auf Ikonen-Schutz pochen – im Gegenteil habe ich Grass bei vielen Gelegenheiten kritisiert – der Spiegel schrieb mal über ihn zurecht, niemand sei vor seiner Solidarität sicher. Aber: politisch engagierte Literatur ist eben politisch.

Christian Kracht – Imperium: ein Skandal?

Christian Kracht hat ein neues Buch geschrieben (“Imperium”) über einen deutschen Naturfanatiker, der sich Anfang des Jahrhunderts auf die deutsche Kolonie in Papua-Neuguinea zurückzieht und dort eine Sekte von Fruktariern gründet und daran scheitert. Ich lese ja alles von Christian Kracht, er ist einfach großartig in seinem Erzählstil – die Geschichte die er erzählt ist jedoch eigentlich immer die gleich. Es geht um die Auflösung der Charaktere. Und ja, er spielt unterschwellig oft mit der Nation als Wert für den Einzelnen.

Der Print-Spiegel – in persona Georg Diez – hat daraus den Vorwurf konstruiert Christian Kracht würde quasi rechtsradikales Gedankengut (totalitär, antimodern, demokratiefeindlich) transportieren. Das ist absurd und ein Affront, den ich der Kulturredaktion vom Spiegel nicht zugetraut hätte. Jakob Augstein hat auch schon ein Kommentar in Spiegel Online geschrieben, gegen die Nazi-Keule seiner Print-Redaktion.

Und auch namhafte Autoren haben nun über den Verlag Kiepenheuer & Witsch einen offenen Brief an den Spiegel geschrieben. Das ist mal wieder ein Literaturskandal, der keiner hätte sein müssen. Das Œuvre von Christian Kracht jedenfalls überzeugt auch ohne Skandale:

Offener Brief an

Chefredaktion
Der Spiegel
Ericusspitze 1
20457 Hamburg

Sehr geehrter Herr Mascolo,

mit dem Spiegel-Artikel »Die Methode Kracht« hat der Literaturkritiker Georg Diez für uns die Grenzen zwischen Kritik und Denunziation überschritten. Äußerungen von literarischen Erzählern und Figuren werden konsequent dem Autor zugeschrieben und dann als Beweis einer gefährlichen politischen Haltung gewertet. Wenn diese Art des Literaturjournalismus Schule machen würde, wäre dies das Ende jeder literarischen Phantasie, von Fiktion, Ironie und damit von freier Kunst.

Katja Lange-Müller
Daniel Kehlmann
Elfriede Jelinek
Peter Stamm
Monika Maron
Thomas von Steinaecker
Kathrin Schmidt
Thomas Hettche
Necla Kelek
Rafael Horzon
Stefan Beuse
Carmen Stephan
Benjamin von Stuckrad-Barre
Carl von Siemens
Eckhart Nickel
David Schalko
Feridun Zaimoglu

Buchempfehlung: Schwarzspeicher erschienen!

Ich werde bestimmt auch demnächst in meinem Literatur-Blog schoenerlesen.de darüber schreiben, Tobias Radloff hat einen neuen Roman veröffentlicht. Ich bin schon sehr gespannt, am Mittwoch war ich auf einer Lesung von ihm in Langen. Es ist ein Sci-Fi Thriller geworden, der in einer nicht allzu entfernten Zukunft spielt, in der in Deutschland nach einem terroristischen Anschlag kein lokaler Speicher mehr erlaubt ist und alle Daten in der Staats-Cloud “Schwarzspeicher” sind.

Das ist gar nicht mehr so fern, wenn man die aktuellen Entwicklungen beobachtet. Obwohl man doch zwischen der diffusen Angst und realer Bedrohung meiner Meinung nach sehr deutlich differenzieren sollte. Mal hat man vor dem Staat Angst, dann doch wieder vor den Datenstaubsaugern aus der Privatwirtschaft (Facebook und Co.). Naja, ich bin positiv gespannt, wie sich das Buch liest.

Buchmesse 2011

Ich habe es dieses Jahr mal wieder geschafft ein paar Stunden auf die Buchmesse zu gehen. Es ging mir persönlich vor allem um die Distribution via eBooks, von der ja viele erwarten, dass sie nun mit den neuen Tablets einen wahren Boom erleben wird. Der Markt ist fragmentiert und nicht nur die Deutsche Telekom versuchte an einem recht einsamen und uninspirierten Messe-Stand mit ihrem neuen Produkt PagePlace den Markt zu beackert. Gefühlt jeder Verlag, der etwas auf sich hält bringt eigene Hardware oder Apps heraus. Das gibt noch ein lustiges Hauen und Stechen (siehe auch den Kommentar von Sascha Lobo).

Spannend sind natürlich auch die Promis, denen man einfach so begegnet. Charlotte Roche war einfach immer mich herum. Alice Schwarzer steht einfach mal neben dir und Richard David Precht. Am tollsten war Roger Willemsen, der auf seine engagierte Art und Weise die Literaturwelt von 1800 bis 1950 Revue passieren ließ – eine Tour de Force durch die Höhen und Gipfel dieser literarischen Epoche.

Achja, und dann war da noch das Gastland Island, dass einen sehr stimmungsvoll gestalteten Messeraum füllte. Mit dunklen Installationen und kuscheliger Leseatmosphäre und vor allem: ohne E-Reader. Mal sehen, ob ich bald auch mal eine Rezension eines isländischen Autors auf schoenerlesen.de veröffentliche, ich habe mir da schon einen Roman von Halldór Laxness augeguckt.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Die Liste der Bücher der Deutschen rezensiert

Es gab ja mal diese ZDF-Umfrage zu den Lieblingsbüchern der Deutschen. Da ist viel Müll dabei und eine Momentaufnahme ist es zudem, aber spannend ist das schon. Ganz besonders spannend, wenn sich ein Institut der Literaturwissenschaft (hier der Uni Kiel) dieser Liste annimmt und auf sie eingeht. Die 15 Lieblingsbücher der Deutschen literaturwissenschaftlich rezensiert und unter literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de als Video ansehbar. Cool!

Hier die Liste. Fett – was ich gelesen habe, kursiv – was ich noch lesen will (irgendwanneinmal).

01. Der Herr der Ringe – JRR Tolkien (abgebrochen)
02. Die Bibel (zum Großteil)
03. Die Säulen der Erde – Ken Follett
04. Das Parfüm – Patrick Süskind
05. Der kleine Prinz – Antoine de Saint-Exupéry
06. Buddenbrooks – Thomas Mann
07. Der Medicus – Noah Gordon
08. Der Alchimist – Paulo Coelho
09. Harry Potter und der Stein der Weisen – J.K. Rowling
10. Die Päpstin – Donna W. Cross
11. Tintenherz – Cornelia Funke
12. Feuer und Stein – Diana Gabaldon
13. Das Geisterhaus – Isabel Allende
14. Der Vorleser – Bernhard Schlink
15. Faust. Der Tragödie erster Teil – Johann Wolfgang von Goethe (zum Teil)
16. Der Schatten des Windes – Carlos Ruiz Zafón
17. Stolz und Vorurteil – Jane Austen
18. Der Name der Rose – Umberto Eco
19. Illuminati – Dan Brown
20. Effi Briest – Theodor Fontane
21. Harry Potter und der Orden des Phönix – J.K. Rowling
22. Der Zauberberg – Thomas Mann
23. Vom Winde verweht – Margaret Mitchell
24. Siddharta – Hermann Hesse
25. Die Entdeckung des Himmels – Harry Mulisch
26. Die unendliche Geschichte – Michael Ende
27. Das verborgene Wort – Ulla Hahn
28. Die Asche meiner Mutter – Frank McCourt
29. Narziss und Goldmund – Hermann Hesse
30. Die Nebel von Avalon – Marion Zimmer Bradley
31. Deutschstunde – Siegfried Lenz
32. Die Glut – Sándor Márai
33. Homo faber – Max Frisch
34. Die Entdeckung der Langsamkeit – Sten Nadolny
35. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins – Milan Kundera
36. Hundert Jahre Einsamkeit – Gabriel Garcia Márquez
37. Owen Meany – John Irving
38. Sofies Welt – Jostein Gaarder
39. Per Anhalter durch die Galaxis – Douglas Adams
40. Die Wand – Marlen Haushofer
41. Gottes Werk und Teufels Beitrag – John Irving
42. Die Liebe in den Zeiten der Cholera – Gabriel Garcia Márquez
43. Der Stechlin – Theodor Fontane
44. Der Steppenwolf- Hermann Hesse
45. Wer die Nachtigal stört – Harper Lee
46. Joseph und seine Brüder – Thomas Mann
47. Der Laden – Erwin Strittmatter
48. Die Blechtrommel – Günter Grass
49. Im Westen nichts Neues – Erich Maria Remarque
50. Der Schwarm – Frank Schätzing
51. Wie ein einziger Tag – Nicholas Sparks
52. Harry Potter und der Gefangene von Askaban – J.K. Rowling
53. Momo – Michael Ende
54. Jahrestage – Uwe Johnson
55. Traumfänger – Marlo Morgan
56. Der Fänger im Roggen – Jerome David Salinger
57. Sakrileg – Dan Brown
58. Krabat – Otfried Preußler
59. Pippi Langstrumpf – Astrid Lindgren
60. Wüstenblume – Waris Dirie
61. Geh, wohin dein Herz dich trägt – Susanna Tamaro
62. Hannas Töchter – Marianne Fredriksson
63. Mittsommermord – Henning Mankell
64. Die Rückkehr des Tanzlehrers – Henning Mankell
65. Das Hotel New Hampshire – John Irving
66. Krieg und Frieden – Leo N. Tolstoi
67. Das Glasperlenspiel – Hermann Hesse
68. Die Muschelsucher – Rosamunde Pilcher
69. Harry Potter und der Feuerkelch – J.K. Rowling
70. Tagebuch – Anne Frank
71. Salz auf unserer Haut – Benoite Groult
72. Jauche und Levkojen – Christine Brückner
73. Die Korrekturen – Jonathan Franzen
74. Die weiße Massai – Corinne Hofmann
75. Was ich liebte – Siri Hustvedt
76. Die dreizehn Leben des Käpt’n Blaubär – Walter Moers
77. Das Lächeln der Fortuna – Rebecca Gablé
78. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran – Eric-Emmanuel Schmitt
79. Winnetou – Karl May
80. Désirée – Annemarie Selinko
81. Nirgendwo in Afrika – Stefanie Zweig
82. Garp und wie er die Welt sah – John Irving
83. Die Sturmhöhe – Emily Brontë
84. P.S. Ich liebe Dich – Cecilia Ahern
85. 1984 – George Orwell
86. Mondscheintarif – Ildiko von Kürthy
87. Paula – Isabel Allende
88. Solange du da bist – Marc Levy
89. Es muss nicht immer Kaviar sein – Johanns Mario Simmel
90. Veronika beschließt zu sterben – Paulo Coelho
91. Der Chronist der Winde – Henning Mankell
92. Der Meister und Margarita – Michail Bulgakow
93. Schachnovelle – Stefan Zweig
94. Tadellöser & Wolff – Walter Kempowski
95. Anna Karenina – Leo N. Tolstoi
96. Schuld und Sühne – Fjodor Dostojewski
97. Der Graf von Monte Christo – Alexandre Dumas
8. Der Puppenspieler – Tanja Kinkel
99. Jane Eyre – Charlotte Brontë
100. Rote Sonne, schwarzes Land – Barbara Wood

21 gelesen. Immerhin.

Literaturkarte

Ich habe mal wieder bei Strangemaps eine tolle Karte gefunden. Und zwar eine Karte die beschreibt an welchen Orten auf der Welt bestimmte weltliterarische Themen bearbeitet wurden. Mit dabei das Faust-Thema & Ödipus. Eine sehr spannende Darstellung wie Literatur funktioniert und vielleicht auch ein nettes Argument gegen ein restriktives geistiges Eigentumsrecht.

Diese Karte stammt aus dem englischen Fachmagazin Lapham’s Quarterly.