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Kein Richtiges im Falschen

Am Freitag war ich auf der Abschiedsvorlesung von einer meiner am meisten bewunderten Professorinnen. Frau Prof. Heidrun Abromeit verabschiedete sich dabei in einer denkwürdigen Rede zum Stand des Kapitalismus und der Politikwissenschaft von unserem kleinen Institut. Titel ihrer gewohnt kühlen, aber doch ein wenig wehmütigen Vorlesung war “Gesellschaften ohne Alternativen. Zur Zukunftsunfähigkeit kapitalistischer Demokratien” und ohne Adorno zu zitieren kreisten ihre Thesen doch um das alte Credo “Es gibt kein richtiges Leben im falschen.”

Grundthese: Der Kapitalismus zerstört sich selbst, weil er es nicht schafft seine Grundbedingungen zu reproduzieren, im Gegenteil er zerstört sie sogar in vielen Arten. Angefangen von der Ressourcenausbeute aber auch in rein wirtschaftlicher Hinsicht durch immer steigende Rediteerwartungen sowie in einer sich immer beschleunigerenden Auslese, die den Kapitalismus zwangsläufig von einem Oligopol zu einem Monopol und damit zum Ende des kapitalistischen Wettbewerbs führt. Überhaupt hinterfragte Abromeit den derzeit einzig vorstellbaren Interaktionsmodus aller homini economici, den Wettbewerb, der stets verleugnet, dass zum Beispiel gemeinsames Handeln soviel mehr sein kann als nur das Handeln an sich.

Interessant für viele Anwesenden Politikstudenten war sicherlich die Radikalität der Kritik, die Abromeit ihrer (eigenen) Wissenschaft entgegenschleuderte. Der Rückzug in die Empirie (den auch sie begangen hat) sei der falsche Weg. Und auch der Salvationsglaube an das modehafte CSR (Corporate Social Responsibility) ist mehr als trügerisch. Eine Soziale Marktwirtschaft sei doch nur eine Singularität der Geschichte und bedingt durch ganz spezielle Vorraussetzungen, die einfach nicht mehr gegeben sind. Ich hatte mir solch eine Rede erwartet und ebenso das Ende vorraus gesehen, indem sie keinerlei Hoffnung für unser Gesellschaftssystem wie für die Politikwissenschaft anbot. Konsequent!

P.S.: Unser Dekan Prof. Heinelt referierte vor der Vorlesung ein Gespräch zwischen Abromeit und Wörner, der sie fragte, warum sie denn früher in Pension gehen wolle, die meisten Professoren blieben doch länger. Abromeit hatte einige antworten parat. Um nur eine zu erwähnen: Laut Präsidium hätte das Institut für Politikwissenschaft (also fünf Professuren, fünf Lehrstühle) für das akademische Jahr 2006 einen Etat von 1500€ haben sollen. Da sollten sich mal einige Ingenieure und Informatiker an der TU Darmstadt Gedanken machen, ob es wirklich 5 Beamer in einem Vorlesungssaal oder eine neue zentrale Bibliothek braucht, wenn andere Fachbereiche finanziell ruiniert und marginalisiert werden.