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Leseempfehlung: Der Ypsilanti-Komplex

Ich springe jetzt mal ein bisschen über meinen Schatten, denn zuletzt kam von der Frankfurter Rundschau ja eher grenzdebiles. Aber dieser Artikel verdient wirklich eine große Leserschaft. denn er fasst den medialen Themenkomplex Andrea Ypsilanti prima zusammen.

Aufgrund eines imponierenden Wahlerfolgs ist der Anspruch Andrea Ypsilantis auf den Sessel des hessischen Ministerpräsidenten nicht sonderlich weit hergeholt. Aber einem, der zäher als Pattex an seinem Stuhl klebte und trotz Wahlschlappe immer noch klebt, ausgerechnet diesen Mann, dessen politischer Körper nur aus Machtwillen besteht, diesen unheimlichen Mann verschont man, mehr noch, man hat ihn zum Gutmenschen stilisiert, hat ihm durchgehen lassen, dass er als geschäftsführender Ministerpräsident im Amt bleiben wolle, weil er sich in der “Verantwortung” für sein Land sehen würde.

Hessen 2008 – das ist nicht so ohne weiteres zu verstehen. Aber eines ist ziemlich sicher: Ypsilanti wurde ein psychologischer Mechanismus zum Verhängnis, den Männer für einen bestimmten Frauentypus erfunden haben, um sie zu verhindern. Politisch zu führen, das ist und war seit Menschengedenken eine männliche Angelegenheit.

Deutsch für Anfänger

Die Sprachpuristen vom VDS (Verein Deutsche Sprache) rund um den Mathematiker (!) Walter Krämer haben sich mal wieder ein Forum geschaffen. Diesmal ist es leider die sonst liberale Frankfurter Rundschau. Blabla, Denglisch für Anfänger. *gähn*

Nix, was man nicht so schon gehört hätte. Wiedermal verpackt in schöne Fremdwörter, die der Autorin gar nicht auffallen, weil sie ja ach so akademisch sind (Anglizismen). Und in Wirklichkeit ist es ja noch schlimmer. Zwischen FR-Shop, E-Paper, FR Blogs, Newsletter, Newsreader, Top-News findet sich die Sprach-Kolumne (sic!). Und dann auch noch ein Wettbewerb – es sollen neue deutsche Wörter erfunden werden. Macht die Taz mit ihrer Wortistik schon seit Jahren.

Diese Kolumne, die übrigens auch vom Bremer Sprachblog auseinandergenommen wird, ist – jenseits der Tagespolitik – das blamabelste, was ich in einer deutschen Zeitung seit längerem gelesen habe. Einem Linguist kann es jedenfalls vor diesen Hobby-Sprachrettern nur grauen.

Germanismen II

Weil sich immernoch ab und zu ein paar Internet-Surfer auf meine Seite zum Thema Germanismen verirren, dokumentiere ich an dieser Stelle einen Artikel der Frankfurter Rundschau vom 08.10.2001, der mir heute beim häuslichen Ausmisten in die Hände gefallen ist.

“Obercharming” finden Briten einfach “zeitgeisty”
Immer mehr deutsche Wörter und Begriffe halten Einzug ins Englische / Besonders beliebt ist das Wort “Diesel”
Von Christoph Driessen (London / dpa)

Seit den Terroranschlägen in den USA sind viele Briten “angst-ridden”, von der Angst geritten, also angstgeplagt. Die Romanheldin Bridget Jones findet neue Trends “zeitgaisty”. Und Tony Blairs Berater Peter Mandelson wird von seinen Gegnern als “spin-meister” kritisiert, als Meister der PR-Intrige.
An manchen Tagen könnte man beim Lesen britischer Zeitungen meinen, so mancher Journalist hätte Germanistik studiert. Deutsche Wörter, oft in Zusammenhang mit englischen, sind “ober-in”. Bisher konnte man sie an einer Hand abzählen, den “blitzkrieg”, den “kindergarten” oder das “fräulein”.
Um bei “ober-” zu bleiben: Dieser Vorsatz tauchte erst 1993 zum ersten Mal auf und ist seitdem zum Modewort geworden, das in zahllosen Zusammensetzungen verwendet wird: obercharming, obercool, oberblond. Bill Gates wird als “obernerd”, als Ober-Streber(sic!), die USA sind “oberpowerful” (übermächtig). “Man könnte stattdessen oft auch das englische “over” verwenden, aber “ober” klingt in unseren Ohren noch stärker”, sagt Jeremy Butterfield, Direktor der Wörterbuch-Sparte des Verlags Harper-Collins in Glasgow.
Eine Neuentdeckung für die Briten ist auch das altdeutsche Wort “Meister”. Inzwischen gibt es auf der Insel rock meister, culture meister, gag meister, horror meitser und puzzle meister. “Das greift um sich”, sagt Butterfield. “Meist sind es Journalisten, die diese Wortschöpfungen als Erste benutzen, weil sie interessant schreiben wollen.” Butterfield hat für die Deutsche Presse-Agentur in Zusammenarbeit mit der Datenbank der englischen Sprache auch herausgefunden, was die am meisten verwendeten deutschen Wörter sind: An erster Stelle steht “Diesel”, gefolgt von “Blitz”, “Alzheimer” und “Angst”.
“Angst” wurde 1849 erstmals von der englischen Schriftstellerin George Eliot benutzt. “Fear” (Furcht) haben die Briten heute vor dem Fliegen oder dem Zahnarzt, “Angst ist existenzieller, dunkler”, erläutert Michael Clark vom Wörterbuch-Verlag Oxford University PRess.
1852 fand das Wort “Schadenfreude” Eingang in die englische Sprache. Inzwischen ist es soweit verbreitet, dass es sogar in der US-Zeichentrickserie “Die Simpsons” vorkommt. “In diesem Fall ist das recht einfach zu erklären”, sagt Butterfield. “Wir haben dafür einfach keine Entsprechung im Englischen.” Das gleiche gilt für “glockenspiel”, “rollmop” (Rollmops), “kohlrabi”, “dirndl”, “flak”, “doberman”, “rucksack” und “wunderkind”. Andere Begriffe sind einfach wörtlich übersetzt worden, etwa “foreword” (Vorwort) und der ominöse “G-spot” (G-Punkt). Dagegen ist die “hausfrau” nicht das beziehungsweise die Gleiche wie ein(e) “house wife”; die Erste ist ein biederes Heimchen am heimischen HErd.
Einen intellektuellen Einschlag gibt man sich mit Begriffen wie “leitmotiv”, “hinterland”, “kulturkampf”, “realpolitik”, “putsch”, “weltanschauung” und “götterdämmerung”.
“Oft wirken Leute, die solche Wörter benutzen, allerdings eher anmaßend als gescheit”, meint Redakteur Michael Clark. “Ich habe mal eine Rede gehört, in der der Referent ständig das deutsche Wort ‘Gesellschaft’ benutzte. Das Problem war: In Wirklichkeit meinte er ‘Gemeinschaft’.”

FR bald Tabloid

Für mich eine Horrorvorstellung. Die gute alte Tante Frankfurter Rundschau (wer weiß auf welches literarische Werk das jetzt eine Anspielung war bekommt einen Sonderpreis) wurde ja im Sommer verkauft an DuMont-Schauberg. Denen gehört schon der Kölner Express und unter dieser Prämisse klingt die Ankündigung die auf HR-Online öffentlich wurde sehr bedrohlich. Dort heißt es:

Im Zuge weiterer Sanierungsmaßnahmen will die Frankfurter Rundschau bis Ende des kommenden Jahres mehr als ein Viertel seiner verbliebenen 750 Arbeitsplätze abbauen.

Und weiter …

Wirtschaftliche Sanierung und Produkterneuerung müssten zu einem harmonischen Ganzen gefügt werden, sagte der Geschäftsführer. Nur mit neuen Leserschichten könnten Zuwächse bei Auflage und Anzeigenschaltung erreicht werden. Hierbei spielten auch Überlegungen zu einem Umstieg auf das Tabloid-Format eine große Rolle.

Neue Leserschichten durch ein neues Format? Oder geht mit dem neuen Format auch eine inhaltliche Neu-Ausrichtung im Sinne eines Tabloids einher? Wie gesagt – ein Horrorszenario. So oder so, wenn sich bei der FR etwas zum Negativen ändern, wird mein Abo gekündigt. Mit DuMont-Schauberg verbindet mich nämlich nichts.