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Estland und das Kriegerdenkmal

Estland kommt nach dem Wahlsieg der Rechtsliberalen nicht zur Ruhe. Ein heißes Wahlkampfthema war nämlich ein Ehrenmal der Sowjetunion, das an die Befreiung Estland von den Nazis erinnert. Gut, die Esten haben wie die anderen Balten auch die Nazis gar nicht so ungern in ihrem Land gehabt und fleißig an der Deportation baltischer Juden mitgewirkt aber das ist ein anderes Thema.

Nun also ein Ehrenmal nahe der Innenstadt Tallinns. Die neue Koalition hatte im Wahlkampf damit geworben es abzubauen und gestern war es soweit. Die Meldung der mehr oder weniger gewalttätigen Gegendemonstration schaffte es sogar in die 20-Uhr-Tagesschau. (Video) Aber in der Nacht folgten noch weitere Ausschreitung, die auch ein Todesopfer forderte. Was die Statue so besonders macht, könnt ihr in einem zwei Jahre alten Artikel der Baltic Times nachlesen. Der wie immer super-konservative “Itching for Estimaa“-Blog kann übrigens die Aufregung um ein Denkmal, das der Toten gedenkt und nun von einem Platz auf ein Friedhof verfrachtet wird, nicht nachvollziehen. Eine deutlich neutralere Sichtweise gibt es auf dem deutschen Estland-Blog. Auch der Eintrag auf indymedia ist lesenswert. Und zu guter Letzt gibt’s hier noch aktuelle Fotos aus Tallinn.

Estland hat gewählt

Gestern gab es noch eine Fernsehdebatte (Valimisstuudio), in der sich die führenden Politiker zusammen setzten, die Lage der Nation diskutierten und dabei mehr oder eben auch weniger glückliche Figuren abgaben. Wie das bei solchen Debatten eben meist der Fall ist. Doch der Trend der schon vor einigen Tagen von den Zeitungen und Medien vorhergesagt wurde, hat sich bei der Wahl zur Riigikogu am heutigen 4. März bestätigt – viel diskutiert wurden sie ja zum Teil im eVoting abgehalten: Die (sozial-)liberalen Parteien (Reform und Kesk) und die neu gegründeten Grünen (Rohelised) sind die Gewinner. In Anbetracht des zusätzlichen Stimmenzuwachses der Sozialdemokraten und deutlichen Verlusten der Rechten Pro Patria-Partei (IRL), könnte man Gefahr laufen von einem Linksrutsch zu sprechen. Ich denke aber, dass ich in meiner Magisterarbeit hinlänglich die Unzulänglichkeit von Links-Rechts-Schemata im Baltikum vorführen konnte.

Interessant jedoch folgende Punkte:

1. Die Performanz der aktuellen Regierungsparteien Reformpartei, Zentrum und (mit zugegeben deutlichen Abstrichen) Volksunion (Rahvaliit) sind gut.
2. Nur eine neue Partei konnte in das Parlament einziehen, und mediale Rezeption wertet die 7,X% der Grünen (die im Baltikum zwar grün aber oft alles andere als links sind) als großen Erfolg, obwohl es früher schon ganz andere Neueinstiege geben hatte.
3. Immernoch gibt es kaum russisch-sprachige Esten im Parlament
4. Die kleinen Parteien bleiben klein (keine Selbstverständlichkeit!)

Die Esten sind zufrieden und geben sowohl der Partei des Ministerpräsidenten Andrus Ansip, der Reformpartei ein Stimmenplus von 10%, als auch der Partei des vor kurzem neu gewählten Präsidenten Toomas Ilves, den Sozialdemokraten, eine Steigerung von 7% auf über 10%. Das bricht mit der Tradition des Abwatschens, die wir ja auch in Deutschland allzu gut kennen. Der konservative Ilves hat schon angekündigt auch dem sozialliberalen Lager unter Ansip erneut die Regierungsbildung zu übertragen einer auf zwei Parteien geschrumpfte Koalition zwischen Reformpartei und Zentrum steht also kaum was im Wege.

Sünnib erakond Eesti Eest!

Ich nehm alles zurück. Hail to the Wikipedia! Da heißt es doch glatt unter der Beschreibung der Partei Res Publica:

On April 4, 2006, representatives of the Pro Patria Union and the representatives of Res Publica decided to merge the two parties. Decision was made to form a new party, Eesti Eest (Pro Estonia), after approval by general assemblies of both merging political forces. This is about to take place no later than June, 2006.

Jetzt versteh ich auch, was mir die offizielle Homepage sagen wolltemit diesem Satz:

Res Publica ja Isamaaliidu juhatused otsustasid, et mõlema erakonna aatelise ning juriidilise õigusjärglasena sünnib uus poliitiline jõud — Erakond Eesti Eest.

Denn so ganz ist mein Finnisch noch nicht weg. Nein, nein, nein.

Präsidentenwahlkampf in Estland

So, ich schreib ja immer noch mehr oder weniger an meiner Magisterarbeit über das Baltikum. Und jetzt muss ich mich doch mal aufregen. Dieses bescheuert weltweite Netz ist nicht in der Lage mir in einer mir bekannten Sprache aktuelle Informationen über den estnischen Präsidentschaftswahlkampf und/oder über den Koalitionsstreit in Lettland zu liefern. Am 4. April wollte Res Publica ihren Präsidentschaftskandidaten verkünden und ich kann heute noch nichts dazu finden.
Ok, die Länder sind klein, aber seitdem mich Google nicht mehr auf seine englisch-sprachige Startseite lassen will fühl ich mich irgendwie vom Rest der Welt abgeschnitten. Wikinews ist selbst in ihrer englischen Version nicht zu gebrauchen, die Baltic Times gibts nur gegen Geld, … .

Wie gehen bloß die Leute in China und Singapur mit ihrer viel härteren Netzzensur um? Hach.