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Wahlrecht-Vergleich in der Zeit

Zusammen mit den großartigen Machern der Seite wahlrecht.de hat die Zeit mal das Experiment gewagt und das Bundestagswahlergebnis von 2009 in andere Wahlrechte übertragen. Anlass ist die Reform das bundesdeutschen Wahlrechts, dass ja verfassungswidrig war (und wahrscheinlich nach der Neuregelung immernoch ist). Deshalb werden auch das neue Wahlrecht und die Vorschläge der einzelnen Oppositionsparteien miterrechnet.

Andere Länder, andere Wahlsysteme

Natürlich ist Großbritannien mit ihrem “First-Past-the-Post“-Mehrheitswahlrecht bitter. Auch wenn es in deren regional stark fragmentierten Gesellschaft mehr Sinn macht.
Spannend finde ich aber insbesondere auch die Darstellung der Wahlsysteme, die man nicht so häufig zu sehen bekommt. So bekommt man z.B. in Griechenland als stärkste Fraktion 50 Zusatzmandate, was ich bis zur letzten Wahl dort gar nicht wusste. Oder: In Italien gruppieren sich jeweils zur Wahl Rechts- und Linksbündnisse und ich fragte mich schon immer, warum eigentlich. Jetzt weiß ich es. Das Wahlbündnis mit den meisten Stimmen erhält automatisch 54% der Mandate im Parlament. Verrückt. Aber natürlich nur in unseren Ohren.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie entsetzt mich eine Österreicherin (hallo Christina) während meiner Eramsuszeit fragte, wer denn in Deutschland entscheidet, wer Bundeskanzler ist, wenn das nicht der Bundespräsident macht. 😉

Absolute Mehrheitswahl mit Alternativstimmen (Instant Runoff Voting)

Gut, das ist jetzt sogar mal ein Wahlverfahren, von dem selbst ich als Politikwissenschaftler noch nicht gehört, geschweige denn nachgedacht habe. Absolute Mehrheitswahl mit Alternativstimmen nennt sich das Wahlsystem-Ungeheuer über das es wohl in Großbrittannien einen Volksentscheid geben wird. Es ist das Kompromisangebot der Tories gegenüber den Liberaldemokraten. Aber es ist immernoch ein Mehrheitswahlsystem – eines dass mehrere Wahlgänge in einem simuliert.

In der Wikipedia heißt dieses Verfahren auch Instant-Runoff-Voting (IRV) und – ich nehme es vorweg – es ist genauso beliebig wie das sonstige absolute Mehrheitswahlrecht auch.

Rechts seht ihr wie so ein Wahlzettel dann aussehen könnte. Wenn die Stimmzettel ausgewertet werden, wird geguckt, welcher Kandidat am wenigsten 1er bekommen hat. Dieser Kandidat wird gestrichen und die Wahlzettel auf denen er auf 1 gewählt wurde, werden nun für den jeweiligen Kandidaten mit der 2 gewertet. Nun wird solange der Letzte gestrichen, bis nur noch zwei übrig bleiben und das Ergebnis eindeutig ist.

Dass das ganze zu etwas zufälligen Ergebnissen führen kann, war jetzt mein allererster Eindruck. Sowohl das Monotonie-Kriterium (eine Partei kann davon profitieren, dass ich sie schlechter werte) als auch das Condorcet-Kriterium (Periphere Positionen setzten sich evtl. gegen Mainstream Positionen durch) scheinen u.U. verletzt zu werden.

Achja, die Pro-Seite für Instant-Runoff-Voting würde so argumentieren:

Aber ich bleib dabei: IRV equals shit!

UK bewegt sich – Kommt ein proportionales Wahlsystem?

In England bewegt sich etwas. Mit dem “hung parliament” gibt es zum ersten mal seit 70 Jahren eine historische Chance auf eine Wahlrechtsreform. ICh könnte mir gut vorstellen, dass die mit die einzige Forderung der LibDems (Liberal Democrats) sein könnte, um sich als Partner für eine wie auch immer geartete Koalitionsregierung herzugeben.

Auch in der Bevölkerung scheint sich eine Wechselstimmung breit zu machen. Noch kurz vor der Wahl habe ich in einem Feature von hr-info viele solcher Statements von britischen Wählern gehört, man solle endlich ein proportionales Wahlrecht etablieren. Und auch gestern gab es in London eine Demo der Organisation Take Back Parliament für mehr Demokratie. Es gibt schon zahlreiche Berichte darüber – auch auf youtube gibt es einiges zu sehen. Sogar CNN berichtet.

Und auch in vielen anderen Städten gab es spontane Kundgebungen. Alle sind gespannt, ob sich Nick Clegg, der Parteivorsitzende der Liberal Democrats durchsetzen kann. Die Frabe des Protests ist übrigens lila.

WM 2006 Hooligan-Nachlese

Ich muss zugeben, es sind beeindruckende Bilder, die diese BBC-Dokumentation (“Hooligans – The Untold Story”) auch in Frankfurt gemacht hat. Sie vermitteln einen Eindruck den ich so gar nicht hatte. Einerseits denke ich zurecht, dass dieser Bericht ein wenig zugespitzt ist, andererseits kann man auch deutlich von einem Versagen der Vierten Gewalt während der WM sprechen. Den Medien war es wohl eindeutig wichtiger nationale Gefühle zu erwecken und Deutschtum zu heroisieren, als diesen Auseinandersetzungen, an denen zu jedem Zeitpunkt auch Deutsche beteiligt zu sein schienen, ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

Achtung: Nachfolgende Dokumentation ist ca. eine Stunde lang, aber äußerst sehenswert (und man lernt was über den britischen Akzent).