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Christian Wulff und die Tagesschau

Franz Richter
© Franz Richter

In einem aktuellen Bericht über den immer dubioseren Bundespräsidenten Christian Wulff verlinkt die Seite tagesschau.de auf einen Beitrag der gestern (21.12.11) in der 20 Uhr Tagesschau gelaufen ist. Dieser Beitrag ist spannender als ich dachte. Denn mitten im Satz bricht Bild und Ton ab – für ca. 10 Sekunden, danach geht es normal weiter. Der Bildschirm zeigt: “Kurze Unterbrechung. Diese Aufnahmen dürfen im Internet aus rechtlichen Gründen nicht gezeigt werden.” ???

Ist das jetzt schon Zensur, oder was? Was dort gesagt wurde konnte ich eben über die Mediathek rekonstruieren, allerdings fehlt auch hier das Bild (womit ich leben kann).

Aber was lief auf der Tonspur, dass da unbedingt raus musste? Noch zu hören war folgendes:

“In der Debatte um den Hauskauf der Familie Wulff vor drei Jahren eine neue Information: Wulffs Anwalt bestätigt gegenüber einer Zeitung …”

Und weg ist Bild und Ton. Und hier ist der zensierte Teil:

“…, dass der Unternehmer Geerkens als Freund und Fachmann mitgewirkt habe. Den 500.000-Euro-Kredit aber habe allein seine Frau gegeben.“

Mh, klingt harmlos. Warum schneidet man das raus? Es steht doch heute in allen Zeitungen. Oder war das mal wieder vorauseilender Gehorsam der ARD?

ARD lässt für Wulff jubeln

Habemus lupum. Die regierungstreue Christian Wulff wurde gestern im dritten Wahlgang ja doch noch mit absoluter Mehrheit in der schwarz-gelb dominierten Bundesversammlung als Bundespräsident gewählt. Das regierungstreue deutsche Staatsfernsehen ließ die Gelegenheit nicht aus und zeigt Jubelbilder.

“Ich höre gerade, es gibt auch Bilder von draußen, von unserer Videowall”, verkündete Deppendorf. “Auch da haben die Zuschauer, die Zaungäste applaudiert, als das Ergebnis bekannt gegeben wurde und als klar war, dass Deutschland wieder einen Bundespräsidenten hat.” Dazu zeigte die ARD rund 15 Sekunden applaudierende Menschen, die vor dem Reichstag die Live-Übertragung verfolgten.

Witzigerweise jubelte da draußen aber gar keiner als Christian Wulff gewählt wurde.

Beim Volk da draußen vor der Videoleinwand hingegen überraschte diese Darstellung. Tatsächlich gab es bei den rund 500 Zuschauern lang anhaltenden, respektvollen Applaus – allerdings als der Bundestagspräsident Norbert Lammert die Stimmenzahl für Joachim Gauck verkündete. Viele der Zuschauer waren schon mit Pro-Gauck-Plakaten erschienen.

Als Lammert dann tatsächlich die Wahl von Christian Wulff verkündete, klatschte allenfalls eine Handvoll der Wartenden. Die große Mehrheit hingegen buhte laut. Auch “Pfui”-Rufe waren vor dem Reichstag unüberhörbar. Und das schon zum zweiten Mal. Auch als Lammert die hohe Zahl der Enthaltungen bekannt gab und somit klar war, dass die Linkspartei nicht für Gauck votiert hatte, gab es nichts als “Buh” und “Pfui”-Rufe.

Was also wolle die ARD hiermit bezwecken? Oder war es journalistisch-logistische Unfähigkeit, die Ansage richtig an Deppendorf vorzugeben? Ein Geschmäckle bleibt …
Und ich dachte ja, dass das ZDF jetzt das CDU-Fernsehen ist, nachdem Roland Koch – Franz-Josef Strauß hab ihn selig – den neuen Chef-Intendanten installiert und gezeigt hat, wie politisch unabhängig das von unseren Gebühren bezahlte Fernsehen unsere journalistische Grundversorgung gewährleistet.
(via taz.de)

Zum Geburtstag viel Glück!

Normalerweise sagt man ja “Bleib wie du bist!” oder ähnliches. Das muss man sich wohl in diesem Fall verkneifen. Leider bin ich da wohl nicht Teil einer Mehrheit:

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Die Grafik stammt aus einem Zeit Artikel von vorletzter Woche.
Heute wird also der 60te Geburtstag der Bundesrepublik Deutschland damit begangen, dass ein neuer Bundespräsident von der Bundesversammlung gewählt wird. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es ein Vertreter des kapitalistischen Systems sein, das für die größte Systemkrise seit Bestehen der Bundesrepublik verantwortlich ist und in der wir uns noch auf unbestimmte Zeit befinden werden.

Wie anders Symbolpolitik aussehen könnte zeigt die immer wiederkehrende Diskussion um den 9. November als Nationalgedenktag oder aber die etwas in den Hintergrund gerückte Debatte um die Nationalhymne, die ich für untragbar halte und zu der es tolle Vorschläge gibt und gab, z.B. die Kinderhymne von Bert Brecht.

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Auch die Süddeutsche greift die Debatte anlässlich des Geburtstages auf und schlägt eine Kombination aus Deutschlandlied und DDR-Hymne vor.

Es gibt also noch spannende und gute Ideen auch wenn man über 60 ist, sollte ein “Das haben wir schon immer so gemacht” nicht reichen, um Bürger zu überzeugen.