Failenhagen

Tja, ich ringe nach diesem Desaster immernoch nach Worten … Worte, die der Philosoph Sloterdijk in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung so passender Weise findet.

Man hat uns glauben gemacht, das 21. Jahrhundert habe am 11. September 2001 begonnen, und sein Grundthema sei Sicherheit vor dem Terror. In Wahrheit beginnt das 21. Jahrhundert mit dem Debakel vom 19. Dezember 2009 – sein Grundthema ist das Fehlen von Global Governance. Die ganze politische Sphäre ist bloßgestellt, alles, was vorgibt, an der Macht zu sein, erscheint von jetzt an wie ein hohles Ancien Régime. Nach Kopenhagen leben wir in einer vorrevolutionären Situation neuen Typs. In aller Welt werden die Bürger nach Sicherheit vor ihren Regierungen verlangen.
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Die Menschen sind Zukunftsatheisten, sie glauben nicht an das, was sie wissen, selbst wenn man ihnen stringent beweist, was kommen muss. Glauben und Wissen klaffen im Hinblick auf unser globales Geomanagement völlig auseinander.
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Kopenhagen zeigt ja, wie unrealistisch es ist, anzunehmen, die UN könnte als Forum für die Lösung des Klimaproblems dienen. Ein so stark zerklüftetes 200-Agenten-System wie die Vereinten Nationen kann als einzigen Output systematische gegenseitige Behinderung erzeugen – ein perfektes Ergebnis für alle, die den Status quo erhalten wollen, ein fatales für jene, die verstanden haben, dass gehandelt werden muss. Kurzum, mit dem Weltplenum ist vernünftige Klimapolitik bis auf weiteres ein Unding, es widerspricht auch allem, was wir über Nationalegoismen wissen. Aber ein Beschluss über die CO2-Abscheidung müsste ja von vorneherein nur die Großen engagieren – es würde genügen, wenn die zehn oder fünfzehn größten Klimabelaster sich über eine gemeinsame Linie einigen. Wenn sie für eine gewisse Periode die Technik der CO2-Segregation wählten, erhielte man eine Atempause, die Ölverknappung sorgt weiter für steigenden Umstellungsdruck, und die Nachreifung der alternativen Technologien besorgt das Übrige.
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SZ: Hätte es eine Alternative gegeben?
Sloterdijk: Vielleicht ja. In diesem Zusammenhang sollten wir uns an die Vorgänge in Hessen erinnern. Nach der eklatanten Niederlage von Koch und dem großen Wahlerfolg von Frau Ypsilanti hätte dort ein möglicherweise epochales Experiment stattfinden können. Ich trauere noch immer ein wenig über diese verpasste enorme Gelegenheit. Dabei fehlte gar nicht viel: Es hätte für Frau Ypsilanti genügt, so lange stoisch ruhig zu halten, bis sie von allen Seiten angefleht worden wäre, sich doch in Gottes Namen auch mit den Stimmen der Linken zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen. Kein Mensch hätte dann dieses hysterische Gerede vom Wortbruch aufgebracht, alle Beteiligten hätten eingesehen, dass es zum politischen Geschäft gehört, in veränderten Lagen veränderte Ansichten zu äußern und ungeliebte Allianzen zu schließen. In Hessen hätte unter Ypsilanti ein energiepolitischer Versuch von weltpolitischer Relevanz abrollen können.
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Wir haben im 20. Jahrhundert ein vorwiegend resultatorientiertes Design gekannt, doch werden wir demnächst ein verfahrensorientiertes Design bekommen, das Gesamtrechnungen aufstellt und sich nicht mehr mit Endproduktästhetik begnügt. Ich habe im Übrigen den Eindruck, dass heute schon enorme Intelligenzreserven bereitstehen. Man darf nicht so tun, als müssten die Lösungen erst allesamt neu gefunden werden. Wer in der Designszene zu Hause ist und mit zeitgenössischer Architektur zu tun hat, wird wissen, dass alle Arten von Lösungen für alle Arten von Problemen in allen möglichen Schubladen bereitliegen. Die warten darauf, abgerufen zu werden.