Nachtrag zu den drei SPD-Verrätern

Einen recht kurzen, aber informativen Artikel hat die Süddeutsche unter der Überschrift “Anmaßung und Opferrhetorik” zum Thema geschrieben. Ich zitiere:

Wer von ihnen [den SPD-Abtrünnigen] ist anders als die anderen? Die Antwort ist einfach: Jürgen Walter, und dies nicht, weil er männlichen Geschlechts ist. In seiner Begründung hat Walter angegeben: Ein Bündnis mit der Linken schade “der SPD und Hessen”, weil es “zehntausende von Arbeitsplätzen” vernichten werde […] was ihm in seiner künftigen Karriere, zumal wenn sie sich jenseits der SPD abspielt, bestimmt nicht zum Schaden gereichen wird.Die drei übrigen Abweichler – Dagmar Metzger, Silke Tesch und Carmen Everts – haben am Dienstag vor allem politische Gründe dafür genannt.

Als über den geplanten Koalitionsvertrag abgestimmt wurde, beteuerte die Parteirechte Silke Tesch, sie wolle in Hessen keinen “Simonis-Effekt”. Und als der SPD-Unterbezirk Groß-Gerau am 28. Oktober über einen Antrag debattierte, mit dem die Vorsitzende Carmen Everts darauf verpflichtet werden sollte, für die geplante Regierung zu stimmen, tat sie indigniert: “Ich will den Regierungswechsel, da braucht es keine Aufforderung”, wurde sie zitiert.
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In ihrer emotionalen, bekenntnishaften Rhetorik stehen die drei Frauen einander indes nicht nach. “Die Situation hat mich zunehmend psychisch und physisch stark belastet”, klagte Silke Tesch; “ich bin nicht jemand, der verdeckt agiert und andere ins offene Messer laufen lässt”, erklärte sie, um zu begründen, warum sie Andrea Ypsilanti einen einzigen Tag vor der Abstimmung ins offene Messer hat laufen lassen. “Ich habe einen unvorstellbaren Druck erlebt”, beschwerte sich Carmen Everts. Und Dagmar Metzger bekannte sich zu ihrer erschütterten Begeisterung von sich selbst: “Niemand weiß besser als ich, wieviel Mut hierzu gehört.” Wieso weiß das niemand besser als Dagmar Metzger? Und von welcher Art Mut redet sie eigentlich, da der ihre doch von der politisch einflussreichen Familie konservativer Sozialdemokraten, in die sie eingeheiratet hat, sehr – sagen wir – beflügelt wurde?

Die Rhetorik der drei Damen ähnelt auf fatale Weise derjenigen ehemaliger DDR-Bürgerrechtler: Anders als viele DDR-Bürgerrechtler waren die SPD-Frauen nicht Opfer eines großen Apparates. Aber sie gerieren sich als solche. Das ist kein Zufall, denn alle drei sind gegen die Linkspartei. Und jetzt benehmen sie sich, als wären sie schon deren Opfer. Sie reden, als wären sie Bürgerrechtler.
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Noch bevor Dagmar Metzger sich im März der Idee verweigerte, eine rot-grüne Regierung von der Linkspartei tolerieren zu lassen, hatte ihr Schwiegervater, Günther Metzger, im Darmstädter Echo einen Auftritt. Er soll gesagt haben, dass der sozialdemokratische Vater der geborenen Dagmar Feist 1945/46 “unter Lebensgefahr den Zwangszusammenschluss von KPD und SPD zur SED” abgelehnt habe. Dagmar Metzger sagt ähnliches. Warum Lebensgefahr, welcher Herr Feist? Eine Recherche in den Archiven der SPD und bei einschlägig bewanderten Historikern wie Manfred Rexin, Andreas Malycha und Horst-Peter Schulz ergab: Nichts.