Bremer Law and Order

Gestern war ein rabenschwarzer Tag für den deutschen Fußball. Normalerweise behaupte ich sowas nur beim Anblick des Hoffenheimer Plastikvereins in der Tabelle, aber das ist profan im Vergleich zu gestern.

Um 9.30h wurden gestern über 200 Fußballfans von Eintracht Frankfurt festgenommen. Sie kamen gerade in Bremen zum Auswärtsspiel an. Angeblich taten sie sich durch aggressives Auftreten hervor. (Achtung der Text der Pressemeldung der Polizei wurde schon mehrfach verändert.) Aha. Schon klar um 9.30h am Morgen haben die Insassen von 5 Fanbussen nichts weiter zu tun als grundlos zu randalieren. Das wäre ein in Deutschland einmaliger Vorfall. Witzigerweise erklärte die Polizei sogar es gäbe eine Fanfeindschaft zwischen Bremen und Frankfurt. Eine (bewusste?) Lüge! Von den Bremern gab es während des Spiels spontane Solidaritätsbekundungen. “250 in Gewahrsam nehmen – Willkommen im Polizeistaat Bremen 1312” stand auf einem Banner. Und auch im Bremer Forum solidarisiert man sich weitestgehend.

Ich zitiere mal einen Augenzeugen aus dem Forum von Eintracht Frankfurt:

Ich war gestern auf dem Auswärtsspiel in Bremen.
und ich schildere mal die Fanereignisse, da ja das Spiel egal wurde.
30 minuten vor Spielbeginn: Wir stehen im Stehblock ganz vorne. Auf einmal werden wir von einem Ultras angesprochen. Wir sollten bitte die ersten 5 Reihen freihalten, da die Ultras die Plätze behalten sollen. Wir hören von 150 festgenommen Ultras.
5 Minuten später: Eine Durchsage von vorne erreicht uns. 250 Frankfurt Ultras wurden festgenommen. 150 in der Stadt. 100 weitere in der Nähe des Stadions.
Anfangsphase des Spiels: Wir singen ausschließlich Lieder gegen die Polizei. ” Fussballfans sind keine Verbrecher usw.”
30 Minute nach Spielbeginn:Alle Ultras + aktive Fans die noch im Stadion waren gehen aus dem Stehblock. Die normalen Fans bleiben. Noch im Stadionbereich, hinter der Tribüne, singen wir weiter Lieder gegen die Polizei, werden reichlich gefilmt und fotografiert. Draußen ist mehr Stimmung wie im Block. Alles ist total voll. Wir forden lautstark, Martin Stein [Anm. d. Autors: der Vorsänger und damit Integrationsfigur der Frankfurter Fanszene]. Die einzige Reaktion die wir durch die Polizei kriegen, sind Kameras und noch mehr Kameras.
Halbzeit: Manche sind wieder im Stehblock, die meisten sind draußen. Es geht munter weiter.
15 minuten nach Halbzeit: Einige Fans stehen vor dem Ausgang. Singen wie vorher Lieder, ganz normal ohne zu randalieren. Dann passiert etwas außergewöhnliches. Eine riesige Horde der Polizei stürmt durch den Eingang, fordert die Fans auf zurück in die Nähe des Stehblocks zu gehen. Die Fans singen weiter bleiben stehen. Plötzlich geht es los, die Polizei fährt die Schlagstöcke aus, drängt die Masse mit Gewalt nach hinten. Pfefferspray wird eingesetzt. Es wird wahllos gesprüht um die Masse vom Eingang/Ausgang fernzuhalten. Die Polizei erlaubt sich alles. Es geht drunter und drüber.
25 Minuten vor Abpfiff: Es kommt eine Durchsage vom Bremer Stadionsprecher: ” Frankfurt Fans werden gebeten 15 Minuten länger im Block zu bleiben.” Im Stehblock sind alle genervt, keine Stimmung mehr. Vor dem Stehblock gibt es immernoch Ärger mit der Polizei. Die Lage entspannt sich einwenig.
Abpfiff: Wir werden wie angekündigt, nicht aus dem Block gelassen. Es folgen viele Sänge gegen die Polizei. Es gibt kleine Schubsereien mit der Polizei.
35 Minuten nach Abpfiff: Die Tore werden geöffnet. Wir kommen in einen riesiegen Konvoi der Polizei. Wir werden zu den Busparkplätzen gebracht. Vorne weg laufen 6 Polizisten mit Pferden. Überall Polizisten. Einige möchten aus dem Konvoi. Keine Chance. Es wird mit Schlagstöcken gedroht. Am Busparkplatz angekommen, löst sich der Konvoi auf. Manche gehen zu ihren Autos weiter, andere steigen in die Büsse. Und bloß weg hier.

Zusatzinfo: Es gab Frankfurter Ultras, die unter 18 waren und aufgrunddessen freigelassen wurden.

Auf sge4ever.de heißt es ebenfalls in neutralem Ton:

Heute Morgen um halb 10 kamen 5 Fanbusse mit 250 Adlerträgern in Bremen an. Diese wurden von der Polizei in Empfang genommen und beim folgenden Fußmarsch durch die Innenstadt zum Kneipentiertel anschließend über 2 Stunden festgehalten. Jeder Fan wurde einzeln kontrolliert und in der Folge ins Gefängnis gebracht. Nur die unter 18 jährigen wurden nach der Kontrolle entlassen und waren daraufhin, 6 km vom Stadion entfernt, auf sich alleine gestellt.
Alle anderen über 200 Fans blieben bis weit über das Spielende in Gewahrsam. Da in Bremen die Zellen nicht ausreichten wurden über 50 Fans in einem Polizeibus “verwahrt”.
Der Grund für diese Aktion war ein geworfener Böller, welcher mit Anzeichen von Randalen gleichgesetzt wurde. Weiter wurden vereinzelte Rufe nach Bremer Fans zum “verhauen” als große Gefahr für die Bremer Bürgerschaft angesehen. Ansonsten wurde weder randaliert, noch Stimmung gemacht. Die Eins verhielten sich absolut friedlich. Die Polizei entschied sich dennoch sämtliche Fans aus Gründen der Gefahrenabwehr zu verhaften. Diese Entscheidung ist auf den Einsatzleiter zurückzuführen, welche von untergebenen Dienstgraden scharf kritisiert wurde. Diese hatten auf eine Eskorte zum Stadion und anschließender Einkesselung bis zum Einlass plädiert. Sogar der Chef vom Fanprojekt, Stefan von Plötz, der schlichten und einen Kompromiss finden wollte, wurde festgenommen. Unter anderen wurden auch Minderjährige mit Kabelbindern gefesselt.

Auch in Stadion kam es anschließend zu maßiven Übergriffen der Staatsmacht auf Eintrachtfans. Viele Fans hatten sich mit den Festgenommenen solidarisiert und nach gut 20 Minuten den Block verlassen. Das repressive Auftreten der Staatsmacht führte zu einem Aufheizen der Lage. Nachdem die Polizei in der zweiten Hälfte die Eintrachtfans am entgültigen Verlassen des Stadions hinderten, kam es zu häftigen Zusammenstößen.

Um 20 Uhr durften die Festgehaltenen Bremen endlich verlassen und erreichten gegen 3:30 Uhr wieder Frankfurt. Die ganze Zeit wurden die Busse durch ein riesen Polizeiaufgebot begleitet und der Zutritt zu Rastplätzen verwehrt. Als Begründung wurden verletzte Polizisten im Stadion angeführt. Nur das diese Fans überhaupt nicht im Stadion waren.

An was es eher erinnert, waren die Vorfälle in zum Eintracht Auswärtsspiel in Nürnberg im Oktober 2007, in dem die Polizei die Fans so sehr weitgehend grundlos schikanierte, dass meines Wissens nach im Nachhinein auf Seiten Polizei personelle Konsequenzen gezogen wurden. Und das ist ja nun mal leider die Ausnahme, wenn im Staatsapparat so massive Fehleinschätzungen erkannt werden.

Während des Spiels gingen die Aktionen der Polizei also weiter. Normalerweise stehen im Block ja normale Sicherheitsleute. Die Polizei hat die wohl rausgeschickt, nach Augenzeugenberichten wollten die nämlich deeskalieren. Wer weiß, ob das der Polizei so recht gewesen wäre. Denn was passiert wenn ein Block zur Hälfte voll mit Polizei und zur Hälfte mit angepissten Fans, deren Freunde und Kumpels vermeintlich grundlos verhaftet worden sind, ist, ist nur logisch, was da passiert. Es gab seitens der Polizei zu massiven Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray. Wie das meistens dann in so aufgehitzten Situationen ist größtenteils vermutlich eher grundlos. Diese Erfahrung habe ich ja auch schon auf anderen Demonstrationen mit Polizeibeteiligung machen müssen.

Einige Bilder gibt es hier zu sehen. In den Medien wird es wieder auf die Frankfurter Hooligans geschoben werden. Aber gottseidank haben wir einen Vereinsvorstand, der sich zwar auch kritisch mit der eigenen Fanszene auseinandersetzt, aber auch genau zuhört, wenn so etwas passiert. Wie gesagt meines Wissens gab es nach den Aktionen in Nürnberg 2007 personelle Konsequenzen bei der Polizei und irgendjemand in Bremen sollte sich jetzt schonmal warm anziehen.

Alexander von Schönburg und Gloria bei Beckmann

Gestern Nacht bei Beckmann redete sich der ehemalige Popliterat Alexander (Graf) von Schönburg [das Graf ist neu, das hat er früher nicht so in der Vordergrund gestellt als er sich noch als Adelsprekariat inszeniert hat) um Kopf und Kragen. Wirklich erstaunlich wie er fast schon faschistoid die Erlöserrolle der katholischen Kirche referierte. Als einzige Instanz würde sie noch die Liebe in den Vordergrund rücken.

Anlass der Diskussion war die leidige Kondomfrage der tiefgläubigen Katholiken, zu der Beckmann tatsächlich eine illustre Runde eingeladen hatte. Unter anderem auch von Schönburgs Schwester Gloria von Thurn und Taxis, die ja unlängst bei Friedmann das AIDS-Problem in Afrika mit dem unsäglich rassistischen Bonmot “das AIDS-Problem in Afrika gibt’s doch nur, weil’s da so heiß ist.” bzw. “weil, der Afrikaner schnackselt halt gerne” abtat.

Von Schönburg war da, um sie zu verteidigen, und mühte sich vergeblich gegen alle Vernunft und Beckmann selbst. Seine Schwester und die katholische Kirche wollten die Liebe betonen, argumentierte er fernab von afrikanischen Realitäten. Zugegeben: intellektuell nicht ganz blöde und ästhetisch gut, argumentieren kann der Mann. Aber es war genauso verblendet, abgehoben und totalitär, dass es mich bis ins Mark erschrecken konnte. Und das um die Uhrzeit.

Seine Schwester dagegen, Gloria, sie zeigte dann wieder ihre Dummheit kurz vor Ende der Sendung – man hatte ihr wohl dieses Schnackseln-Argument ausgeredet – mit dem Hinweis, auch in Deutschland gäbe es ein AIDS-Problem, das in Afrika sei nur größer, weil es da mehr Menschen gäbe, und außerdem sei es hier in Europa kalt, hier erfrieren Menschen – also vielleicht nicht in Deutschland, aber in Russland und Polen, platzte es aus ihr raus.

Nachzuschauen gibt’s das Ganze in der ARD Mediathek.

Nun ja, zwei Dinge sind unendlich …

Achja, und zum gleichen Thema möchte ich noch textundtext.de zitieren, die auch auf einen weiteren Gast der Sendung eingehen, Barack Obamas Halbschwester:

Der Gast mit dem analytischsten Verstand und der logischsten Ausdrucksweise in Beckmanns gestriger Talkrunde war ohne Zweifel Auma Obama, die Halbschwester des designierten US-Präsidenten Barack Obama.

Kann ich nur unterschreiben.

DFB-Präsident Zwanziger zeigt sein wahres Ich

Die Sportpolitik ist nicht gerade als Hort des lauteren und respektvollen Umgangs bekannt. Doch was der DFB und dessen Präsident Theo Zwanziger gerade umtreibt schlägt wohl jedem Fass den Boden aus.

Der freie Journalist Jens Weinreich schrieb im Juli im Blog Direkter Freistoß einen Kommentar, in dem er Theo Zwanziger und seine Aussagen zum Bundeskartellamt kritisiert und seine Argumentation ihn als “unglaublichen Demagogen” entlarve. Als Zwanziger diese Aussage Monate später bemerkt, fühlt er sich doch ehr sehr stark ertappt. Vor Berliner Gerichten scheitert er zweimal damit ,den Journalisten auf Unterlassung zu verklagen. Doch er will nochmal vor Gericht ziehen – diesmal in Koblenz, vermutlich weil dort selbst als Jurist angestellt war.

Irgendwer hat ihn wohl von diesem peinlichen Unterfangen abbringen können. Doch ganz abfinden kann er sich damit nicht. Er dreht den Spieß um und versucht es mit Rufschädigung gegenüber dem Journalisten. Gestern ging wohl eine Email an über hundert Bundestagsabgeordnete, Sportpolitiker und -funktionäre in der (Zitat FR)

“missbilligt” das DFB-Präsidium eine angeblich von Weinreich initiierte Kampagne gegen Zwanziger “auf das Schärfste” und tut so, als habe der Sportjournalist aus Wandlitz klein beigegeben. Im Zuge der ihm eingeräumten Frist “auf Widerruf seiner diffamierenden Beleidigung” habe Weinreich die von Zwanziger gestellten Bedingungen erfüllt, “damit die vorbereitete Klage nicht eingereicht wird”.

Damit ist amtlich, dass der DFB Rabulisten beschäftigt – Wortverdreher. Weinreich hat gar nichts erfüllt, am allerwenigsten Bedingungen. Zwei Gerichte bestätigten ihm, dass er nichts zu widerrufen hat – Urteile, die der DFB in seiner aktuellen Mitteilung vergaß zu erwähnen.

In seinem Blog beschreibt Weinreich den unglaublichen gerichtlichen Vorgang minutiös.
22. Oktober
6. November
12. November
14. November
15. November

Und hier der Bericht für den Deutschlandfunk von Jürgen Roth:

Und der Kommentar der Frankfurter Rundschau beweist, dass das Thema auch in den alten Medien angekommen ist.