Das Fahnenmenetekel

Die F.A.Z. hat heute mal wieder den Vogel abgeschossen, während das ganze Land im zweifelhaften deutsch-türkischen Fahrenmeer versinkt, kommentiert man – gewohnt tendenziös und ungewohnt apokalyptisch – den Untergang des Abendlandes herbei.

Fußballer können, wie gesehen, sogar noch schöne Tore schießen, wenn in ihrer Brust zwei Herzen schlagen. Ein Staat aber, der in seinem Inneren sich verfestigende Parallelgesellschaften toleriert, geht schweren Zeiten entgegen. Der türkische Fahnenwald in Deutschland ist – bei allem Respekt vor den patriotischen Empfindungen derjenigen, die rotweiß flaggen – ein Menetekel für diese Republik. Der Türkei freilich kann man zu solchen Bürgern nur gratulieren.

Soweit das Fazit des FAZ-Redakteurs Berthold Kohler in diesem schon im Titel “Unsere Türken” polemisierenden Kommentar. Der Artikel stieß nicht nur mir böse auf. Auch der Spiegel hat ihn entdeckt und echauffiert sich:

… am Ende aber erscheint “der türkische Fahnenwald” doch wieder nur als “ein Menetekel für diese Republik”, als unheilschwangeres Zeichen also.

Warum eigentlich? Gilt das auch für italienische, spanische oder französische Fahnenwälder? Es ist genau diese Sprache der Angstmacherei, die irrationale Reaktionen und Gefühle fördert und politisch in die Irre führt. Denn gerade das schwarzrotgoldene “Sommermärchen” von 2006 hat gezeigt, dass Heiterkeit und Selbstbewusstsein keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen.

Der viel beschworene neue deutsche Patriotismus ist daher das komplette Gegenteil eines ängstlichen, verdruckst-aggressiven Nationalchauvinismus, der sich ständig von fremden Mächten umzingelt fühlt. Die fröhliche Selbstverständlichkeit, mit der landauf landab die Deutschlandfähnchen flattern, wird genauso von den türkischstämmigen Bürgern in Anspruch genommen, die ihren rot unterlegten Halbmond ans Taxi oder aus dem Fenster hängen.

Anmerken möchte ich noch: Eine Fahne reicht, wenn schon eine zweite, dann doch bitte von einem anderen Land. Nationalbewusstsein hin oder her, von den letzten vier Mannschaften im Turnier hat wohl keine so bürokratisch gespielt wie die Deutschen. Nach dem fast peinlichen Spiel gegen das harmlose Österreich (Fifa-Ranglisten-Platz 115) haben sie hier in Darmstadt wie die Verrückten gefeiert. Da kann eigentlich keiner dabei gewesen sein, der den Fußballsport liebt. Auftritte wie von holländischen, spanischen oder eben russischen Mannschaften wird es wohl für Fans der deutschen Nationalmannschaft nicht zu bewundern geben.

P.S.: Auch wenn ich als Vereinsfußballliebhaber dien Fußball der Nationalmannschaft ziemlich entspannt sehe, war ich nach dem Viertelfuinale mit 5.000 Fans im Darmstädter City-Tunnel. Ich kann euch sagen – der Nazi-Anteil war trotz Klose, Neuville, Podolski, Trochowski, Odonkor und Co. doch sehr hoch. Womit wir den Bogen zum FAZ-Kommentar wieder gespannt hätten.