Estland und das Kriegerdenkmal

Estland kommt nach dem Wahlsieg der Rechtsliberalen nicht zur Ruhe. Ein heißes Wahlkampfthema war nämlich ein Ehrenmal der Sowjetunion, das an die Befreiung Estland von den Nazis erinnert. Gut, die Esten haben wie die anderen Balten auch die Nazis gar nicht so ungern in ihrem Land gehabt und fleißig an der Deportation baltischer Juden mitgewirkt aber das ist ein anderes Thema.

Nun also ein Ehrenmal nahe der Innenstadt Tallinns. Die neue Koalition hatte im Wahlkampf damit geworben es abzubauen und gestern war es soweit. Die Meldung der mehr oder weniger gewalttätigen Gegendemonstration schaffte es sogar in die 20-Uhr-Tagesschau. (Video) Aber in der Nacht folgten noch weitere Ausschreitung, die auch ein Todesopfer forderte. Was die Statue so besonders macht, könnt ihr in einem zwei Jahre alten Artikel der Baltic Times nachlesen. Der wie immer super-konservative “Itching for Estimaa“-Blog kann übrigens die Aufregung um ein Denkmal, das der Toten gedenkt und nun von einem Platz auf ein Friedhof verfrachtet wird, nicht nachvollziehen. Eine deutlich neutralere Sichtweise gibt es auf dem deutschen Estland-Blog. Auch der Eintrag auf indymedia ist lesenswert. Und zu guter Letzt gibt’s hier noch aktuelle Fotos aus Tallinn.

Pissoirs mal anders

Geht euch das auch manchmal so? Ihr seid schön in einer Kneipe einen Trinken und müsst folgerichtig aufs stille Örtchen. Dort sind dann üblicherweise Fußballtore in den Pissoirs mit Bällen, die man dann, wenn man geschickt ist, ins Tor schießen kann – ok ok, zumindest in den Kneipen in die ich gehe. Das ist zwar anfangs witzig gewesen, naja mittlerweile aber eher langweilig. Ich bin neulich über diesen Blogeintrag von Secretsites.de gestolpert. Toll, was es für Männer alles so gibt, auch meine Kneipen sollten da kreativer sein. Ich werde das mal anregen…

Max Buskohl zwischen allen Stühlen

Naja, eigentlich verfolge ich DSDS – für nicht eingeweihte: “Deutschland sucht den Superstar” – nicht bis gar nicht. Im Radio wird ab und zu mal was von dem Offenbacher Kandidaten erzählt, der sich ja wohl ganz gut schlägt. Wie dem auch sei … nach der letzten Sendung, in der der Kandidat Max Buskohl ganz offen von Jurykoriphäe Dieter Bohlen gemobbt wurde, verabschiedete sich ersterer von der Sendung mit dem Hinweis, dass für ihn eh nur einen Plattenvertrag zusammen mit seiner (Schüler-)Band Empty Trash in Frage käme. Konsequenz von RTLBILDBMG – 8 Wochen Auftrittverbot, 3 Monate keine VEröffentlichung, so stehe es in den DSDS-Verträgen hört man.

Was nun folgt ist ein Lehrstück bundesdeutschen Medienkampfes. Zunächst tritt noch in der Sendung Bohlen verbal nach, dann Max’ Vater, es folgt Mitjuror Henn (Max-Fan), und dann etwas überraschend der immer quoten-bewusste Stefan Raab vom Konkurrenzsender ProSieben. Er lädt Max in seine Sendung, er solle dort solange mit seiner Band auftreten bis sein Song ein Nummer-1-Hit sei. Es war wohl sogar angedacht eine eventuelle Konventionalstrafe zu übernehmen. Wie das ganze ausgeht? Keine Ahnung, in den Medien weiß man noch nix genaues, wobei man bei ProSieben eher skeptisch ist – mal sehen was es in TVTotal heute zu sehen gibt.

Ist das nun eine Farce oder doch eine Realsatire der deutschen Medienwelt, wo wild und zynisch in fremden Gewässern gefischt wird. Am Ende bleibt Raab dann wohl der Sieger, wenn er sich den DSDS-Geheimfavoriten mit seiner Produktionsfirma unter den Nagel reißen kann und sich so oder so als Retter der deutschen Musikkultur (siehe Bundesvision Song Contest) profiliert. Derweil tummeln sich erste Empty Trash-Videos im Netz. Mal sehen wie die neuen Distributionsformen, die schon bei “Wo bist du mein Sonnenlicht” sämtliche konventionellen Medien überraschten, auch diesmal greifen.

Deutschland wegen Folter verurteilt (2)

Wie vorhergesagt, hat Gäfgen Beschwerde gegen den deutschen Staat vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingelegt und (zurecht) Unterstützung erhalten. Der Spiegel schreibt:

Üblicherweise werde in Straßburg keine Beschwerde zur Entscheidung angenommen, bei der das Gericht ein Scheitern erwartet. Gäfgen könnte bei einem Erfolg eine Wiederaufnahme seines Verfahrens verlangen.

Wenn man nur in allen Situationen, wenn hier in Deutschland Menschen- und Bürgerrechte mit Füßen getreten werden (vom Recht auf informationelle Selbstbestimmung über den Datenschutz bis hin zum Raucherschutz und zur Bewegungsfreiheit).

Kein Richtiges im Falschen

Am Freitag war ich auf der Abschiedsvorlesung von einer meiner am meisten bewunderten Professorinnen. Frau Prof. Heidrun Abromeit verabschiedete sich dabei in einer denkwürdigen Rede zum Stand des Kapitalismus und der Politikwissenschaft von unserem kleinen Institut. Titel ihrer gewohnt kühlen, aber doch ein wenig wehmütigen Vorlesung war “Gesellschaften ohne Alternativen. Zur Zukunftsunfähigkeit kapitalistischer Demokratien” und ohne Adorno zu zitieren kreisten ihre Thesen doch um das alte Credo “Es gibt kein richtiges Leben im falschen.”

Grundthese: Der Kapitalismus zerstört sich selbst, weil er es nicht schafft seine Grundbedingungen zu reproduzieren, im Gegenteil er zerstört sie sogar in vielen Arten. Angefangen von der Ressourcenausbeute aber auch in rein wirtschaftlicher Hinsicht durch immer steigende Rediteerwartungen sowie in einer sich immer beschleunigerenden Auslese, die den Kapitalismus zwangsläufig von einem Oligopol zu einem Monopol und damit zum Ende des kapitalistischen Wettbewerbs führt. Überhaupt hinterfragte Abromeit den derzeit einzig vorstellbaren Interaktionsmodus aller homini economici, den Wettbewerb, der stets verleugnet, dass zum Beispiel gemeinsames Handeln soviel mehr sein kann als nur das Handeln an sich.

Interessant für viele Anwesenden Politikstudenten war sicherlich die Radikalität der Kritik, die Abromeit ihrer (eigenen) Wissenschaft entgegenschleuderte. Der Rückzug in die Empirie (den auch sie begangen hat) sei der falsche Weg. Und auch der Salvationsglaube an das modehafte CSR (Corporate Social Responsibility) ist mehr als trügerisch. Eine Soziale Marktwirtschaft sei doch nur eine Singularität der Geschichte und bedingt durch ganz spezielle Vorraussetzungen, die einfach nicht mehr gegeben sind. Ich hatte mir solch eine Rede erwartet und ebenso das Ende vorraus gesehen, indem sie keinerlei Hoffnung für unser Gesellschaftssystem wie für die Politikwissenschaft anbot. Konsequent!

P.S.: Unser Dekan Prof. Heinelt referierte vor der Vorlesung ein Gespräch zwischen Abromeit und Wörner, der sie fragte, warum sie denn früher in Pension gehen wolle, die meisten Professoren blieben doch länger. Abromeit hatte einige antworten parat. Um nur eine zu erwähnen: Laut Präsidium hätte das Institut für Politikwissenschaft (also fünf Professuren, fünf Lehrstühle) für das akademische Jahr 2006 einen Etat von 1500€ haben sollen. Da sollten sich mal einige Ingenieure und Informatiker an der TU Darmstadt Gedanken machen, ob es wirklich 5 Beamer in einem Vorlesungssaal oder eine neue zentrale Bibliothek braucht, wenn andere Fachbereiche finanziell ruiniert und marginalisiert werden.